SPD-Landtagsabgeordnete kritisiert verschleppte Planung, viele noch nicht geklärte Fragen zur S-Bahn-Variante und fehlende Orientierung an den Bedürfnissen der Menschen in der Region
Die Empörung ist groß bei der SPD-Landtagsabgeordneten Beate Raudies: Nach jahrelang verschleppter Planung und steigenden Kosten für Planungen und Umsetzung setzt die Landesregierung beim Ausbau der Schienenverbindung zwischen Hamburg und Elmshorn jetzt plötzlich auf eine S-Bahn-Lösung. Zwar sollen das dritte und vierte Gleis kommen, doch die gestern in Tornesch vorgestellten vorläufigen Zahlen werfen mehr Fragen auf, als sie beantworten. Für die Elmshorner Politikerin ist klar: „Diese Entscheidung geht an den Bedürfnissen der Pendlerinnen und Pendler vorbei. So geht Verkehrswende nicht. Wir brauchen mehr Kapazität auf der Schiene – aber vor allem schnellere und verlässliche Verbindungen. Eine Lösung, die die Fahrzeiten für viele Menschen deutlich verlängert, ist kein Fortschritt.“
Nach der Präsentation soll die S-Bahn-Variante wirtschaftlicher und günstiger sein als die Regionalbahn-Lösung. Doch wesentliche Annahmen sind bislang nicht nachvollziehbar. „Der Gutachter konnte gestern nicht erklären, warum er bei der S-Bahn von deutlich höheren Fahrgastzuwächsen ausgeht als bei der Regionalbahn. Genau diese Frage ist aber entscheidend, wenn auf dieser Grundlage Milliardeninvestitionen und die künftige Anbindung unserer Region bewertet werden. Solange solche Fragen offenbleiben, fehlt eine überzeugende Grundlage für die Entscheidung“, so Raudies. Für die Sozialdemokratin ist die Entwicklung auch das Ergebnis jahrelanger Versäumnisse der Landesregierung. „Verkehrsminister Madsen hat wertvolle Zeit verloren. Jetzt laufen die Kosten davon, und plötzlich soll eine S-Bahn-Lösung die Antwort auf die Probleme sein. Das ist bitter für unsere Region. Eine Regionalbahn mit einem 15-Minuten-Takt wäre durchaus eine Perspektive gewesen – auch wenn die Platzverhältnisse im Hamburger Hauptbahnhof anspruchsvoll sind. Wir dürfen die Versäumnisse der vergangenen Jahre nicht dadurch kaschieren, dass wir den Menschen vor Ort künftig längere Fahrzeiten zumuten.“
Denn: Die Konsequenzen für die Fahrgäste könnten erheblich sein: Eine S-Bahn mit neuen Haltepunkten zwischen Pinneberg und Elmshorn würde für die Fahrt allein bis Pinneberg etwa 16 Minuten benötigen. Von dort kämen mindestens weitere 36 Minuten bis zum Hamburger Hauptbahnhof hinzu. Damit wären Pendlerinnen und Pendler insgesamt rund 50 bis 60 Minuten unterwegs. Zum Vergleich: Der Regionalexpress benötigt heute von Elmshorn nach Hamburg knapp 25 Minuten. „Wer Menschen zum Umstieg auf Bus und Bahn bewegen will, muss ein attraktives Angebot schaffen. Wenn sich die Fahrzeit nach Hamburg im schlimmsten Fall verdoppelt, erreichen wir genau das Gegenteil. Wir brauchen einen Ausbau, der mehr Menschen auf die Schiene bringt, und keine Lösung, die die Fahrt zur Arbeit unnötig verlängert. Wir reden hier immerhin von der größten PendlerInnenregion in Schleswig-Holstein. Das sollte endlich einmal im Verkehrsministerium und bei Minister Madsen ankommen“, so Raudies.
Besonders kritisch sieht Raudies die Folgen für Tornesch. Die örtliche Bürgerinitiative setzt sich seit mehr als zehn Jahren für bessere und schnellere Zugverbindungen nach Hamburg ein. „Die gestrige Präsentation muss für die engagierten Menschen in Tornesch wie ein Schlag ins Gesicht wirken. Sie kämpfen seit Jahren für Verbesserungen – und jetzt steht eine Lösung im Raum, die für sie erhebliche Nachteile bringen könnte.“
Dazu komme, dass noch nicht abschließend geklärt sei, ob die bisherigen Regionalexpress- und Regionalbahnangebote erhalten bleiben oder mit Einführung der S-Bahn teilweise oder vollständig wegfallen. Sollte Tornesch künftig nur noch von der S-Bahn bedient werden, wäre das aus Sicht der SPD-Abgeordneten eine massive Verschlechterung. „Die Menschen in Tornesch brauchen eine klare Antwort darauf, welche Züge künftig tatsächlich halten und wie lange sie nach Hamburg brauchen. Diese Fragen müssen beantwortet werden, bevor eine Entscheidung als wirtschaftlich und zukunftsfähig verkauft wird.“
Auch für Elmshorn sieht Raudies erheblichen Klärungsbedarf. Ein zusätzlicher S-Bahn-Halt in Elmshorn Süd könne insbesondere für die Menschen im Süden der Stadt sowie für Berufsschülerinnen und Berufsschüler eine sinnvolle Ergänzung sein. Voraussetzung sei allerdings, dass dieser Halt von Anfang an fest eingeplant und gemeinsam mit der übrigen Infrastruktur realisiert werde.
„Ein Haltepunkt Elmshorn Süd kann einen echten Mehrwert schaffen – gerade für die Schülerinnen und Schüler, die die Berufsschulen in Elmshorn und Pinneberg erreichen müssen. Er darf aber nicht auf irgendwann verschoben werden, sondern muss Bestandteil der Planung sein“, fordert Raudies.
Außerdem nicht akzeptabel sei, dass Prisdorf möglicherweise nur noch einen S-Bahn-Anschluss erhalten könnte. „Auch von hier wollen und müssen die Pendlerinnen und Pendler schnell zu ihren Arbeitsplätzen und wieder retour kommen.“
Es müsse ebenfalls sichergestellt sein, dass alle Regionalexpress- und Regionalbahnangebote in Elmshorn und Pinneberg erhalten bleiben. „Viele Menschen aus unserer Region werden auch künftig auf den Regionalexpress angewiesen sein. Wir dürfen deshalb nicht zulassen, dass die S-Bahn auf Kosten der bestehenden schnellen Verbindungen eingeführt wird. Die RE-Halte in Elmshorn und Pinneberg müssen bleiben. Auch das heutige Regionalbahnangebot muss im gleichen Umfang erhalten werden. Andernfalls ist die S-Bahn keine Verbesserung, sondern ein Rückschritt.“
Für Beate Raudies steht fest: Der Ausbau des dritten und vierten Gleises bleibt notwendig. Und die Infrastrukturentscheidung müsse sich an den tatsächlichen Mobilitätsbedürfnissen der Menschen orientieren – und nicht allein an einer Wirtschaftlichkeitsberechnung, deren angebliche zentrale Annahmen noch Fragen aufwerfen.
„Die Region wartet seit Jahrzehnten auf eine bessere Schienenanbindung. Die Menschen brauchen mehr Kapazität, kürzere Fahrzeiten und verlässliche Verbindungen. Die Landesregierung muss jetzt offenlegen, welche Zugangebote künftig tatsächlich bestehen bleiben, wie die Fahrzeiten für die einzelnen Orte aussehen und auf welchen Annahmen die Wirtschaftlichkeitsberechnung beruht. Eine gute Lösung muss die gesamte Region im Blick haben. Es darf nicht sein, dass wir nach jahrelanger Verzögerung Milliarden investieren und die Pendlerinnen und Pendler am Ende schlechter dastehen als heute. Denn die Region braucht schnelle Züge und keine längeren Fahrtzeiten.“
Als gebürtiger Tornescher möchte ich die Missstände in Tornesch nicht weiter beklagen, sondern zukünftig zum Fortschritt in unserem Ort beitragen. Die jahrelange, konstante und sachliche Politik der SPD Tornesch bewog mich, dort meine politische Heimat zu finden.

